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4000plus: Manfred Groove – Hinter der Tapete (lauert etwas)

4000plus ist eine Kolumne über Spiele, Platten, Bücher & Comics von und mit dem digitalen Flaneur.

Manfred Groove – Hinter der Tapete

Was soll ich sagen? 2020 war ein seltsames Jahr und 2021 verspricht bisher den seltsamen Onkel von den Familienfeiern nochmals zu übertrumpfen. Ok, wir alle sind im Modus und Sonnenschein wurde als Konzept & Hoffnungsspender stillschweigend aus dem aktiven Wortschatz gestrichen, keiner von uns fragt mehr danach – soweit, so neunormal.

Dazu kommt, dass ein wilder Haufen von individualverschwurbelten Echokammerbewohner*innen, den an sich hübschen Begriff des Querdenkers mit reichlich viel Blödsinn befüllt und somit auf ewig kontaminiert hat. Die wenigen Freiluftereignisse dieser Jahre waren keine charmanten Hip Hop-Open Airs, sondern relativ abgründige Polonaisen auf öffentlichen Plätzen, deren Teilnahme zumindest ich gerne ablehne.

Manfred Groove – Das Mittel gegen Klappspaten

Aber vielleicht keimt irgendwo in der Cloud ja doch ein klein wenig Hoffnung und YellowCookies (Manfred Groove) gibt diesen Klappspaten einfach mit dem Clap-Spaten ein paar saftige Bassschellen auf das mit Unsinn befüllte Haupt und ein paar ihrer „Ideen“ purzeln und tropfen aus deren staunend offen stehendem Mund heraus. Dieser kurze Zustand der inneren Ersatzleere wäre wiederum ein perfekter Moment für den stets galligen Milf Anderson (Manfred Groove) (weil, Kulturpessimisten sind keine Rudeltiere) diesen freiwerdenden kognitiven Stauraum mit neuer Dissonanz zu bespielen.

Ob die Band sich nun solch edlen Motiven, wie der Rettung von lautsprechenden Wirrbirnen widmen will, davon steht nichts geschrieben in meinem kleinen Lexikon, aber solange die Chöre wehen, kann man ja noch an das Gute an sich™ glauben.

Klar ist aber, das Manfred Groove definitiv nichts mehr mit dem Gros der aktuellen Deutschrap-Szene gemein haben – noch weniger als auf dem letzten Langalbum „Ton, Scheine, Sterben“ – die beiden haben sich einfach komplett freigeschwommen und ja, dies wird vermutlich nicht die letzte Referenz auf Dende sein.

Nichts an diesem Album sagt – ich bin Rap (wie du ihn gerne hättest), sondern dit is der Motherfucker, ich bin Manfred und ich pass‘ nicht dazu-Vibe. Sein Markenkern ist der funky Abfuck. Er wird es dir nicht leicht machen mitzuträllern und zu summen, dir keine Hook anbieten, die du in 15 Sekunden mitmumblen kannst und beim Textverständnis bist du raus, wenn dich dein Einkaufszettel schon überfordert. Lalalalale, find ich blöd, ey.

Klingt jetzt nach ziemlich elitärem Kram und einer bassgesättigten Distinktionshurerei, aber nee, ist es nur so halb, vielleicht auch nur so zehntel (wenn man dieses Wort überhaupt nutzen kann – aber ich bin im Langstrumpfmodus und sage – yap, geht, steht doch da). Vielleicht bin ich auch einfach nur alt und trage viel Verachtung für Kleingeistkunst in mir, aber ich fiebere halt gerade eher der Veröffentlichung der „We Almost Lost Bochum“-DVD entgegen als den meisten Release-Dates der Deutschrapsingerschaft. Schlechtgelaunte Duos mit erfreulich hoher Chartplatzierung und Pianobarden aus einer Paarhufer-Gang mal ausgeklammert.

Grown Mind-Rap

Vielleicht ist dieses Album halt einfach nur „grown mind“-Rap. Ich meine ich nähere mich mit steigender Fallgeschwindigkeit der 50 an, bin somit wahrscheinlich schon mehrere Dekaden lang Boomer und mein Reiz-Stimulus zeigt auf dem OoooooohYeahographen eher Ausschläge bei subtilen Dende- oder Stieber-Referenzen, als bei dem aktuellen Radioformatgrind. Also wäre es doch eine sonderbare Kiste mich mit der Begleitmusik eines Mindsets zu beschäftigen, das seit langer, langer Zeit nicht mehr meins ist. Daher freu ich mich, wenn so ein Album in meine Playlists schwappt und sich dort mit Klauen, Zähnen & Clapspaten gegen die Platzhirsche durchsetzen kann.

Wieso ich dieses Album mag? Weil ich es immer wieder debil grinsend im Kopfhörer & Kopf mit mir rumtrage, wenn ich wie neulich ohne Grund ganz allein spazieren war. Weil es die nahezu perfekte Anbahnung eines riesigen, grunzenden Fleischbergs ist. Hier werden Perle vor die Säue geschmissen und Hunderte dieser Tierchen kommen ins Schwitzen, ins Rutschen, verlieren die Kontrolle und neigen dann eben zur Häufchenbildung.

Kein Auto- aber solides Feintuning

Weil es nicht gefallen will, sonst wäre das Intro eingängiger und nicht so sperrig, denn Ohrwürmer findet man in diesem vergifteten Apfel oft genug. Weil es nur wenige Zeilen gibt, die unseren akut-kaputten Diskurs so knackig auf den Punkt bringen wie diese ersten zwölf Worte eines dieser vielen Textlabyrinthe: „Alles ändert sich, auch die Musik, drinnen gibt’s Bowle, draußen ist Krieg“.

Ich fühl mich wohl und geborgen im clap-geschüttelten Mutterleib, wenn ich wieder mal gedankenversunken im Haus in den Bäumen abhänge. Kein Auto- aber solides Feintuning, eine abstrakte, assoziative Bildsprache, die manche Dozenten neidisch machen wird, visuelles Storytelling, wie es sehr selten geworden ist, dazu Beatungetüme, die sich jeder Zuordnung entziehen. Zentnerweise Produktivmelancholie und soviel Augenzwinkern, dass es selbst Argus, dem hundertäugigen Schelm ein bissl schwindelig wird.

Manfred Groove feat. Stephan Sulke – Schon Komisch

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Schon komisch: Rapnerd-Bewusstsein im Boomer-Leib

Alleine schon wegen der absurden Beschreibungen des Dilemmas, wenn ein nicht- alterndes Rapnerd-Bewusstsein in einem Boomer-Leib leben muss, reicht als Kaufgrund für die komplette Platte völlig aus – aber, diese Liste ist noch weit entfernt davon vollständig zu sein. Organische Features mit altgedienten Groovisten, aber auch mit neuen Gleichgesinnten wie Lemur, Roger (Blumentopf), Galv (!!!) – Boomerherz, was willste mehr? Jeder Punch sitzt und wenn er nicht sitzt, steht er ganz bewusst quer zur Erwartungshaltung, denn die bekommt auf Albumlänge ganz schön dolle was auf die Zwölf mit dem Clap-Spaten.

Ihr glaubt noch immer ihr könntet euch dem Zauber, dem Sog, dem Sirenengesang dieses Albums entziehen – ok, dann nehmt dies:

„Strassenrap ist dann wohl Schlager über Schläger / dope sein, dass darf scheinbar nicht jeder / ich schreibe eine Mondscheinsonate für Versager, ein paar gleichgesinnte Kinder finden Sinn hinter dem Ding“

Drecksjahr(e)

Ich denke ich bin eins dieser Kinder, ich kann dieses Album fühlen und auch den tiefen Stich im Herzen, dass es noch in den Sternen steht, wann ich diese Zeilen mal live von einer Bühne entgegengeworfen bekommen werde. Drecksjahr(e). Irgendwer sagte irgendwann mal irgendwo, ich denke aber es war auf Twitter, wir werden alle mit alten Alben touren – was erstmal endlos traurig ist, aber wenn man sich dann wiederum vorstellt, dass dort Dutzende dieser Kinder, sich bei diesen Zeilen die Kehlen rau schreien werden, ist es schon wieder irgendwie tröstlich.

Das Nebeneinander von tiefen philosophischen Meditationen und der bierseligen Bambule in Sambaschlappen, der verflucht ernsthaften Sozialkritik und der pointierten Szenehäme, dem steten und nicht selten überraschenden Wechsel zwischen Abdriften, Freidrehen & Nachdenken auf dem Beat, haben schon die letzten paar Releases der beiden für mich wertvoll gemacht. Aber dieses Album ist wie gemacht um in diese kaputte Zeit geschissen zu werden.

Manfred Groove – Sambaschlappen

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Alles ändert sich, auch die Musik

Es folgen nach einem müden, szeneinternen Witz noch ein paar fremde Federn, wenn ich die Textblätter rupfe, aber zuerst muss ich auf diese Zeile zurückkommen – „Alles ändert sich, auch die Musik“ – stimmt: Anis Ferchichi entzaubert die Patenromantik, die Strassenbande denkt plötzlich über Bildsprache & Gewalt nach (laut Label), der Deutschrap von Yassin & Audio88 bleibt hart, aber unbequem, aber geht Gold – nur Patrick ist noch immer auf Bewährung, manches ändert sich wohl nie.

So jetzt noch zwei Textbeispiele für handgemachte Gesellschaftsdiagnostik und schicke philosophische Miniaturen, damit ihr entscheiden könnt, ob euch die Sache zu verkopft ist oder ihr jetzt doch weiter am leckeren Blut leckt.

„Die Panik ist zu stark für so Spaß und Peace & Love / die Panik ist jetzt da, was macht die Krise mit dem Staat / ach komm wir liegen in dem Park, is schon ziemlich lange her, dieser Pool auf der Titanic, der wird jetzt auch nicht wieder leer“

Manfred Groove – Von Was

„…und manches Mal, da setz ich eine Fliege an die Scheibe und höre hin und denke sie erzählt, doch dann lach’ ich über mich und meine albernen Gedanken und wähne hinter der Tapete eine Welt“

Manfred Groove – Hinter der Tapete

Hinter der Tapete (lauert etwas)

Wenn ihr eins dieser Kinder seid, die diesen „grown mind“-Rap fühlen und spüren können, gebt den beiden bitte Liebe, Klicks und Dosenbier und hört bitte endlich auf seinen Besteckkasten zu sortieren, dit kann der nicht ab, ehrlich!

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TL;DR

Kurz gesagt: Hinter der Tapete liegt der Strand. Und zumindest ich hab dort ziemlich guten Empfang. Sayonara!

Post Scriptum: Dies war die erste 4000plus-Kolumne, konstruktives Feedback gerne in die Kommentare, negatives bitte wie beim Bäcker tief in den Rachen.

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Written by digitaleflaneur

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